Bei der Renaturierung geht es nicht nur darum, Verlorenes wiederherzustellen. Es geht auch darum, Ökosysteme für die Zukunft fit zu machen. Wälder sind heute einem rasanten Wandel ausgesetzt – man denke an den Klimawandel, neue Störungen, invasive Arten, Landnutzungsdruck und andere menschliche Aktivitäten. Oft ist es nicht mehr möglich oder gar sinnvoll, einen Wald in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen – insbesondere dann, wenn dieser Zustand den heutigen Umweltbedingungen nicht mehr gerecht wird. In solchen Situationen müssen die Ziele der Renaturierung vorausschauend geplant und zukünftige Entwicklungen berücksichtigt werden.
Zukunftsorientierte Renaturierung berücksichtigt, dass sich Ökosysteme ständig verändern und anpassen. Anstatt einen starren Zustand der Vergangenheit wiederherzustellen, konzentriert sich dieser Ansatz auf den Aufbau gesunder, widerstandsfähiger Wälder, die auch in Zukunft wichtige ökologische und soziale Vorteile bieten. Dies bedeutet, Veränderungen wie höhere Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster, häufigere Brände oder Schädlingsbefall sowie neue Wechselwirkungen zwischen Arten frühzeitig zu berücksichtigen. Diese zu erwartenden Veränderungen sollten bei der Festlegung von Renaturierungszielen und -methoden von Anfang an einbezogen werden.
In der Praxis kann dies bedeuten, Baumarten oder Saatgutquellen auszuwählen, die mit wärmeren oder trockeneren Klimazonen zurechtkommen, vielfältigere Waldstrukturen zu schaffen, die Störungen besser bewältigen können, oder Verbindungen zwischen Lebensräumen zu verbessern, damit Arten sich bei veränderten Bedingungen bewegen und anpassen können. Historische Referenzökosysteme sind nach wie vor wichtig, werden aber zusammen mit wissenschaftlichen Prognosen, Modellen und lokalem Wissen über zukünftige Entwicklungen genutzt.
Anpassung ist für eine zukunftsorientierte Renaturierung von zentraler Bedeutung. Da die Zukunft ungewiss ist, müssen Renaturierungspläne flexibel sein und sich im Laufe der Zeit verändern können. Dies beinhaltet die Festlegung anpassbarer Ziele, die sorgfältige Überwachung der Ergebnisse und die Bereitschaft, Managementmaßnahmen bei Bedarf zu ändern. Die Zusammenarbeit – unter Einbeziehung von Praktikern, Wissenschaftlern und Landbesitzern – ist ebenfalls unerlässlich, da sie praktische Erfahrung mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen verbindet.
Fachleute im Bereich der Waldrestaurierung spielen eine entscheidende Rolle, um sicherzustellen, dass die heutigen Bemühungen zu Wäldern führen, die nicht nur wiederhergestellt, sondern auch widerstandsfähig sind. Diese Wälder sollten in der Lage sein, künftigen Störungen standzuhalten und weiterhin wichtige Leistungen wie Lebensraum für Wildtiere, sauberes Wasser, Kohlenstoffspeicherung und Lebensgrundlagen für viele Jahre zu bieten.
Auf unserem Demonstrationsgelände in Thy, Dänemark, beteiligten sich Schüler der Billede School am SUPERB-Projekt und sammelten praktische Erfahrungen in der Naturwiederherstellung. Unter der Leitung von Experten der dänischen Naturschutzbehörde (Naturstyrelsen) lernten die Schüler nicht nur im Klassenzimmer etwas über Biodiversität – sie wagten sich in den Wald, packten selbst mit an und halfen bei der Schaffung von Mikrohabitaten.
Aktive Waldwiederherstellung kombiniert mit unterstützter Migration (Prestoration), d. h. die Verwendung stets der klimatisch am besten geeigneten europäischen Baumarten und -populationen, hat das langfristige Potenzial, die Kohlenstoffbindung im Vergleich zu Wiederherstellungsbemühungen ohne unterstützte Migration deutlich zu verbessern.
SUPERB zielt auf die großflächige Wiederherstellung von Wäldern in Europa ab und kombiniert wissenschaftliche und praktische Erkenntnisse, um umsetzbare Ergebnisse zu erzielen. Dieses Policy Brief basiert auf den Konzepten dieses Ansatzes und enthält vier Empfehlungen für Änderungen am vorgeschlagenen EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur.
Seed4Forest ist ein europaweites Entscheidungshilfetool, das Anwender bei der Auswahl klimaresistenter Baumarten, Artenmischungen und Herkünfte für die Wiederherstellung und Bewirtschaftung von Wäldern unterstützt. Es integriert aktuelle wissenschaftliche Modelle – darunter Informationen zur Artenverbreitung, Produktivität, Eignung von Mischungen und Herkunftsempfehlungen –, um die Leistungsfähigkeit verschiedener Arten unter gegenwärtigen und zukünftigen Klimabedingungen zu bewerten. Durch die Kombination von Informationen auf Arten- und Genebene ermöglicht das Tool räumlich explizite Analysen und unterstützt evidenzbasierte Anpassungsstrategien wie die assistierte Migration.