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3.1 Freiwillige Kohlenstoffmärkte

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Wälder werden für die EU von entscheidender Bedeutung sein, um ihr ehrgeiziges Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen. Die Europäische Kommission strebt an, dass Wälder und andere landgestützte CO2-Speicherung bis 2030 310 Mt/Jahr erreichen, gegenüber 225 Mt/Jahr bei unverändertem Szenario. Sogenannte „Carbon-Farming“-Strategien, d. h. die Erhöhung der CO2-Speicherung (und teilweise anderer Ökosystemleistungen) in Nutzpflanzen, Wäldern und Böden, sind hier wichtige Instrumente, werden aber in der Regel nur mit zusätzlichen Managementkosten rentabel (Chiti et al., 2024).

Zur Finanzierung dieser zusätzliche KostenÖffentliche Finanzen bleiben unerlässlich. Beispiele hierfür sind der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums, der Folgendes bereitstellt:   Die meisten EU-Förderprogramme für die Forstwirtschaft, insbesondere die Europäische Investitionsbank mit ihrer Finanzierungsfazilität für Naturkapital, unterstützen auch Renaturierungsprozesse und schaffen wirtschaftliche Anreize für den Erhalt natürlicher Landschaften. Die EU-Verordnung zur Zertifizierung von Kohlenstoffentnahme und Kohlenstofflandwirtschaft, die seit Dezember 2024 gilt, stellt einen weiteren neuen, aber wichtigen Rahmen dar (Chiti et al., 2024).

Wie sieht es also mit privaten Quellen für die CO2-Finanzierung aus? Freiwillige CO2-Märkte (VCM) können tatsächlich dazu beitragen, private Finanzmittel zu mobilisieren, um Landbesitzer zu motivieren, Praktiken anzuwenden, die die CO2-Bindung verbessern. Unternehmen, Organisationen oder Privatpersonen erwerben freiwillig CO2-Zertifikate, um ihre Emissionen auszugleichen, während Waldbesitzer potenzielle zusätzliche Einnahmen aus dem Waldbestand begrüßen. CO2-Zertifikate repräsentieren den Ausgleich von Treibhausgasreduktionen oder -entnahmen an anderer Stelle. Diese Zertifikate werden quantifiziert und anschließend an diejenigen verkauft, die ihre eigenen Emissionen „neutralisieren“ möchten. Im Gegensatz zu Compliance-Märkten für CO2, wie dem riesigen EU-Emissionshandelssystem (in dem Waldprojekte nicht teilnahmeberechtigt sind), ist die Teilnahme an VCM nicht gesetzlich vorgeschrieben. Sie wird typischerweise angestrebt, um Ziele der sozialen Verantwortung von Unternehmen zu erreichen, umweltbewusstes Handeln zu demonstrieren oder umweltbewusste Verbraucher anzusprechen.

In der Praxis blieb die Rolle der europäischen Waldwiederherstellung im VCM jedoch recht begrenzt. 2022 machten Gutschriften aus europäischen Projekten für naturbasierte Lösungen weniger als 1 % des gesamten VCM-Handelsvolumens aus (Environmental Finance, 2024). Der VCM wurde stattdessen von Projekten im Globalen Süden dominiert, vorwiegend aus den Bereichen erneuerbare Energien, Vermeidung von Entwaldung und verbesserte Kochherde (Mikolajczyk und Diaz, 2025). Diese Regionen bieten typischerweise ein schnelleres Biomassewachstum und geringere Implementierungskosten, allerdings können die Governance-Risiken höher sein (Larjavaara, 2018). Insgesamt wuchs das VCM-Handelsvolumen rasant und erreichte 2021 einen Höchststand (362 Mio. t), ging dann aber bis 2024 allmählich auf 287 Mio. t zurück (Mikolajczyk und Diaz, 2025). Bis Ende 2024 hatten die zehn vom VCM Dashboard erfassten Kohlenstoffregister insgesamt 2.16 Milliarden Kohlenstoffzertifikate ausgegeben, während fast eine Milliarde Zertifikate noch nicht eingelöst worden waren, was auf ein Überangebot hindeutet. (Mikolajczyk und Diaz, 2025).

An welche europäischen Waldbesitzer, die kommerzielle Kohlenstofflandwirtschaft betreiben und entsprechende CO₂-Zertifikate verkaufen möchten, könnte man sich zunächst wenden? Trotz der Schwierigkeiten des VCM (Variable Credit Market) entstehen dennoch mehrere Marktplätze, wie beispielsweise der OCELL-Plattform (mit Schwerpunkt auf Nordeuropa und dem Baltikum) oder ÖkobasisEin europäischer Entwickler von Wald-Kohlenstoffbilanzen (mit Aufforstungs-, Wiederaufforstungs- und Renaturierungsprojekten) könnte ebenfalls neue Marktoptionen bieten. Dazu zählt auch die vorgeschlagene Schaffung temporärer Wald-Kohlenstoffzertifikate zu vergünstigten Preisen (Chiti et al., 2024). Eine Herausforderung besteht darin, die hohe Nachfrage nach diesen Zertifikaten mit den zumeist kleinräumigen Bemühungen auf der Waldangebotsseite zu verbinden.

Jüngste wissenschaftliche Bewertungen haben Bedenken hinsichtlich der Integrität einiger freiwilliger Zertifikate aus dem Globalen Süden, einschließlich der vermiedenen Entwaldung, aufgeworfen.  (z. B. West et al., 2023) und Gutschriften für verbesserte Kochherde (Gill-Wiehl et al., 2024). Dies könnte dem Ruf des freiwilligen Kohlenstoffmarktes und der Kompensation insgesamt schaden. Gleichzeitig könnte es aber auch europäischen ARR-Projekten einen Vorteil verschaffen, da diese ihren hohen Grad an Zusätzlichkeit besser nachweisen können (siehe Kapitel 04.2). Auf den Kohlenstoffmärkten bedeutet Zusätzlichkeit, dass ein Kohlenstoffprojekt zu Emissionsreduktionen oder -entnahmen führt, die ohne das Projekt nicht stattgefunden hätten. Die Preise für Kohlenstoffgutschriften aus europäischen ARR-Projekten sind daher deutlich höher: 2023 wurden europäische Gutschriften im Durchschnitt zu 25 € gehandelt, während der globale Durchschnitt bei etwa 7 € lag (Forest Trends Ecosystem Marketplace, 2023). Weitere Einblicke in den freiwilligen Kohlenstoffmarkt mit Fokus auf naturbasierte Entnahmen durch ARR-Projekte bietet Landlife in Kapitel 4.1.

 

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