Baum-Mikrohabitate
Eine neue Studie, veröffentlicht in „Forest Ecology and Management“, zeigt, wie die nachhaltige Bewirtschaftung bestehender Wälder – der langfristige Schutz dieser Wälder mit minimalem menschlichen Eingriff – die Biodiversität in Waldstrukturen deutlich verbessern kann. Forscher verglichen aktiv bewirtschaftete Wälder mit Beständen, die seit über 20 bzw. 60 Jahren brach lagen. Die Studie untersuchte mediterrane, Berg- und alpine Nadelwälder. Im Fokus standen baumbezogene Mikrohabitate (TreMs) wie Baumhöhlen, Rindenverlust, abgestorbene Äste und Insektengänge, die essenziellen Lebensraum für Vögel, Insekten, Pilze und andere Organismen bieten. Die Ergebnisse zeigten, dass die langfristige Brachlegung von Wäldern die Artenvielfalt und Häufigkeit von TreMs generell erhöhte, insbesondere in Bergwäldern. Die Reaktionen variierten jedoch stark zwischen den Waldtypen und spiegelten lokales Klima, Topographie und Bewirtschaftungsgeschichte wider. Die Ergebnisse belegen, dass das natürliche Altern von Wäldern nicht nur die Verfügbarkeit von Lebensraum erhöht, sondern auch die ökologische Komplexität im Laufe der Zeit verändert. Dies unterstreicht den Wert der nachhaltigen Bewirtschaftung als naturbasierte Lösung für den Erhalt der Biodiversität und die Resilienz von Waldökosystemen.
Wälder sind mehr als bloße Ansammlungen von Bäumen – sie sind lebende Systeme, die von Zeit, Störungen und den unzähligen Mikrohabitaten, welche die Biodiversität erhalten, geprägt werden. Eine neue Studie mit dem Titel „Jenseits des Managements: Entwaldung bereichert die baumbezogene Mikrohabitatvielfalt, aber Waldtypen bestimmen ihre Zusammensetzung in mediterranen und alpinen Wäldern“ verdeutlicht, wie das natürliche Wachstum von Wäldern über lange Zeiträume ihre ökologische Komplexität erheblich steigern kann.
Die Studie untersuchte die Auswirkungen der Aufforstung – also der Praxis, bestehende Wälder mit minimalem oder gar keinem Holzeinschlag und begrenzten menschlichen Eingriffen natürlich weiterwachsen zu lassen – in drei kontrastierenden Waldkategorien, von mediterranen Eichenwäldern über alpine Nadelwälder bis hin zu Bergbuchenwäldern. Durch den Vergleich aktiv bewirtschafteter Bestände mit Wäldern, die seit mehr als 20 bzw. mehr als 60 Jahren brachliegen, wurde untersucht, wie sich die Zeit seit der Aufgabe auf die Entwicklung baumbezogener Mikrohabitate auswirkt.
Zu den Strukturmerkmalen von Wäldern (TreMs) gehören kleine, aber ökologisch wichtige Strukturen wie Hohlräume, Risse, Rindenverlust, abgestorbene Äste, Pilzbefall und Insektengänge. Diese Strukturen bieten Lebensraum, Schutz und Nahrung für eine Vielzahl von Organismen, darunter Vögel, Fledermäuse, Insekten, Pilze und Pflanzen. Als Indikatoren für die strukturelle Komplexität von Wäldern werden TreMs in ganz Europa zunehmend für das Biodiversitätsmonitoring und die Waldschutzplanung eingesetzt.
Die Ergebnisse der Studie zeigten ein klares Muster: In den meisten Waldtypen förderten längere Perioden ohne Bewirtschaftung eine größere Artenvielfalt und Abundanz von TreMs (strukturellen Mikrohabitaten). Die stärksten Effekte wurden in alpinen Nadelwäldern und Bergbuchenwäldern beobachtet, wo unbewirtschaftete Bestände mehr Totholz ansammelten und eine größere Vielfalt an Mikrohabitaten aufwiesen, die mit Alterungs- und natürlichen Zersetzungsprozessen zusammenhängen.
Die Studie zeigte jedoch auch, dass es keinen allgemeingültigen Verlauf der Waldregeneration gibt. Mediterrane, wärmeliebende Laubwälder (Wälder in relativ warmen mediterranen Klimazonen, die von Bäumen dominiert werden, die saisonal ihre Blätter abwerfen) reagierten schwächer auf die Nutzungsaufgabe, was darauf hindeutet, dass strukturelle Alterungsprozesse in diesen Ökosystemen langsamer ablaufen. Die Forscher vermuten, dass eichendominierte mediterrane Wälder deutlich längere Zeiträume – möglicherweise über 90 Jahre ohne Bewirtschaftung – benötigen, bis sich ausgeprägte Merkmale von Urwäldern vollständig entwickeln.
Wichtig ist, dass die Forschung über die reine Zählung von Mikrohabitaten hinausging. Sie untersuchte auch, wie sich die Zusammensetzung der TreMs im Laufe der Zeit verändert. Die Ergebnisse zeigten, dass die Aufforstung nicht nur die Anzahl der Mikrohabitate erhöht, sondern auch die gesamte Zusammensetzung der ökologischen Strukturen innerhalb eines Waldes allmählich umgestaltet. In lange Zeit verlassenen Beständen fanden sich vermehrt TreMs, die mit Zersetzung, Seneszenz (dem allmählichen biologischen Alterungsprozess eines Organismus oder seines Gewebes) und stehendem Totholz in Verbindung stehen, während einige Mikrohabitate, die mit aktiven forstwirtschaftlichen Maßnahmen verbunden sind, seltener wurden.
Gleichzeitig variierten die Reaktionen stark in Abhängigkeit von den lokalen Gegebenheiten, der Waldgeschichte, der Topographie und der Baumartenzusammensetzung. Bestimmte waldbauliche Merkmale, wie Insektengänge und freiliegendes Splintholz, nahmen vor allem dort zu, wo sich stehendes Totholz ansammelte, während andere stärker von waldbaulichen Eingriffen oder Geländeeigenschaften beeinflusst wurden. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, die Walddynamik in ihrem ökologischen Kontext zu verstehen, anstatt pauschale Managementannahmen anzuwenden.
Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse für eine biodiversitätsorientierte Forstplanung. Angesichts der Bemühungen Europas um wirksame naturbasierte Lösungen zur Minderung des Klimawandels und zur Wiederherstellung von Ökosystemen erweist sich die Aufforstung als wertvolle Strategie – nicht nur zur Kohlenstoffspeicherung, sondern auch zur Verbesserung der Habitatvielfalt und der ökologischen Integrität. Die Integration langjährig unbewirtschafteter Bestände in Waldlandschaften kann dazu beitragen, die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen, die viele spezialisierte Arten benötigen, die auf die Eigenschaften von Urwäldern angewiesen sind.
Letztlich bekräftigt die Forschung eine einfache, aber wichtige Botschaft: Wälder entwickeln mit der Zeit eine Komplexität, die durch Management allein kaum wiederhergestellt werden kann. Der Schutz bestehender Wälder und das Zulassen natürlicher Prozesse spielen daher eine zentrale Rolle für den Erhalt der Biodiversität in mediterranen und alpinen Ökosystemen.